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Trampen nach Osten
Menschen, Tiere, Sensationen
Fast gar nichts kann die zehn Leipziger Studenten, die seit Samstag durch Osturopa trampen, schockieren - nicht einmal eine tschechische
Kahlschlag-Friseurin, eine Übernachtung im Zirkus-Pferdestall oder die gefürchteten Scherze eines deutschen Kabarettisten in Warschau.
Anna Driftmeier und Susann Blum haben die Nacht neben einer Vogelspinne gut überstanden. Das Tier blieb brav in seinem Terrarium. Nach dem Frühstück erlebten die
beiden Tramperinnen, wie tschechische Jugendliche Deutsch lernen. Für den Besuch im Gymnasium des Ortes Olomouc hatte die Lehrerin eigens den Lehrplan geändert.
Irgendwie anders ist auch Annas Frisur: Sie wollte unbedingt zum Friseur, vom Ergebnis ist sie allerdings weniger begeistert.
Der Abschied von ihrer Gastfamilie im oberschlesischen Zyrowa fiel Antje Glück und Linda Vierecke schwer: Zu herzlich waren sie aufgenommen worden. Doch die beiden
Studentinnen hatten einen Termin im Warschau: Dort lebt ein deutscher Komiker, der in Polen fast wie ein Nationalheld verehrt wird. Lange aufgehalten haben sich die
Tramperinnen aber nicht - sie wollten noch bis an die polnisch-weißrussische Grenze. Dort leben die Nachfolger der Tataren.
Das Donaustädtchen Mohács an der ungarischen Grenze zu Kroatien endet an einer Sackgasse, fanden Daniel Frick und Markus Brückner heraus. Es führt zwar eine Straße
hin, aber keine wieder heraus. Die beiden Tramper haben es trotzdem geschafft, weiter nach Baja zu reisen. Dort wohnen sie mit vielen vierbeinigen WG-Genossen beim ungarischen Nationalzirkus.
Bei Hobbywinzer Franc Herga haben Katharina Schäder und Karolin Sengebusch Quartier gefunden. Franc lebt im slowenischen Ormoz, unweit der kroatischen Grenze. Die wollte
das Tramp-Team mal eben überschreiten - zu forsch für die kroatischen Grenzbeamten.
Timo Gramer und Jeffrey Weiß mussten diesmal nicht bei null Grad auf einer Aussichtsplattform in Tallinn übernachten - sie kamen in einer Besenkammer unter und
konnten endlich mal wieder richtig ausschlafen. Frisch gestärkt, rückten sie von ihrem Plan ab, die lettische Provinz zu besichtigten und folgten stattdessen der Einladung
einer SPIEGEL ONLINE-Leserin: Sie betreibt einen Pferdehof im Osten Estlands.
Tramp-Team Baltikum
Ferien auf dem Reiterhof
Nachdem Jeffrey Weiß und Timo Gramer den estnischen Ministerpräsidenten bei der Arbeit gestört hatten, wollten sie es ein bisschen ruhiger angehen lassen.
Da kam die Einladung von Uta Wohlrab gerade recht - die SPIEGEL-ONLINE-Leserin hat eine Farm für Tori-Pferde.
Mittwoch, 2. Juni
Kurzfristige Planänderung
8.30 Uhr. Wir wachen in unserer Besenkammer auf. Endlich mal mehr als zwei bis drei Stunden Schlaf. Wir sind wieder fit, die Akkus sind geladen. Schnell verabschieden wir
uns von Eerki und gehen frühstücken - im 24-Stunden-Laden, wie am Tag zuvor auch.
Hinter der Theke steht eine junge Estin, die uns die ganze Zeit beobachtet. Sie schenkt uns zwei Blaubeermuffins, umkreist mehrmals unseren Tisch und beäugt unsere
technische Ausrüstung. Fünf Minuten später fragt sie nach unserer Herkunft und wir kommen ins Gespräch. Iris ist 20 Jahre alt und studiert Kunst in Tallinn. Ihr Abitur hat
sie auf einer der wenigen rein estnischen Schulen in Tallinn gemacht. Dort spricht man kein Russisch. "Die Russen sind so ganz anders als wir Esten", erzählt Iris. "Wir sind eher
ruhig, ein bisschen stur und zeigen selten Emotionen. Die Russen dagegen wollen häufig auffallen. Die jungen Frauen laufen in kurzen, bunten Röcken durch die Stadt - immer
mit einer modernen Sonnenbrille auf der Nase."
Probleme habe sie mit der russischen Bevölkerung bisher nicht gehabt, aber sie wisse von einigen Bandenkriegen zwischen russischen und estnischen Gangs in Tallinn. Sie
selbst habe ihr ganzes Leben in der Stadt verbracht und wolle ihr Studium bald im Ausland fortsetzen. "England oder Deutschland wären toll", meint Iris, "die verstehen
wenigstens was von Kunst und interessieren sich auch dafür. Als Malerin kann ich hier in Tallinn sowieso nichts machen!"
Die Studentin ist aufgeschlossen, spricht viel über sich und ihr Land. Und erkundigt sich viel nach Deutschland. Den EU- Beitritt ihres Landes sieht sie kritisch: "Gut, man kann
nun problemlos durch die Länder reisen und bald mit einer Währung bezahlen, aber sonst hat sich doch nichts verändert. Die EU ist mir auch egal. Nur die Bananen, die
sind jetzt teurer - und auch der Zucker. Der wird jetzt nicht mehr vom Staat subventioniert."
Wir plaudern eine ganze Weile. Zwischendurch muss Iris die Gäste bedienen. Zum Abschied schenken wir ihr die eigens für die Tour zusammengestellte Musikkassette
unseres Radiosenders mephisto 97.6. Iris ist begeistert, denn sie hört gerne deutsche und englische Musik.
Dann bekommen wir einen Anruf aus Leipzig: Uta Wohlrab, eine in Estland lebende Deutsche, hat sich per Lesermail bei SPIEGEL ONLINE gemeldet. Sie rette die seltenen
estnischen Tori-Pferde vor dem Aussterben - auf ihrer kleinen Farm, 60 Kilometer südöstlich von Tartu, der zweitgrößten Stadt des Landes. Wir sollten sie doch besuchen kommen.
Wir verabreden uns mit Frau Wohlrab und stehen bald an der Straße nach Tartu. Nach knapp 45 Minuten hält ein topmoderner blauer Alfa Romeo. Alle unsere Versuche,
während der Fahrt ein Gespräch zu beginnen, bleiben erfolglos - unser Fahrer verzieht keine Miene. Wir schließen Wetten ab: Wer den Esten als Erster zum Lachen bringen
kann, bekommt einen Kasten Bier. Der ausgelobte Preis bleibt aber ohne Gewinner.
In der Stadt Tartu angekommen, holt uns wenig später eine Deutsch sprechende Frau ab: Ines macht Urlaub auf der Tori-Pferdefarm von Uta Wohlrab. Die beiden haben sich
zufällig über das Internet kennen gelernt, seit sieben Monaten verbindet sie eine Art Internetfreundschaft. Seit einer Woche wohnt Ines auf der Pferdefarm. "Um Uta zu
helfen, denn immerhin hat sie 17 Pferde, dazu Hunde, Hühner, Katzen und Ziegen zu betreuen."
Eine wellige Straße führt zum Hof Hargo-Talu. Aus dem Haus tritt eine zierliche, lachende Frau, die sich uns sogleich als Uta vorstellt. Die Pferdezüchterin fährt uns
über den Hof, erzählt zu jedem Pferd dessen Lebensgeschichte und spendiert uns einen Begrüßungscocktail: Euterwarme Ziegenmilch, frisch gemolken. Sieht irgendwie aus wie Cappuccinoschaum - und schmeckt verdammt gut.
Am Abend gibt es ein zünftiges Abendbrot. Wir sitzen gemeinsam mit vier Hunden und mehreren Katzen im Wohnzimmer des Hauses. Bis tief in die Nacht wird gescherzt, über
Estland philosophiert und über Pferde gesprochen - Tori-Pferde natürlich. Wir spendieren unseren Eesti-Viin-Wodka und lassen es uns gut gehen. Nebenbei erfahren
wir, dass Uta die Verlobte des deutschen Vize-Botschafters von Estland ist.
Um halb vier Uhr nachts gehen wir in unser Bett, in einem alten Holzschuppen direkt neben der Pferdeweide. Draußen ist es schon wieder taghell. Die Nachtigall singt, viele
andere Vögel stimmen ein, Grilllen zirpen und die Toris schnaufen leise. Und drum herum nichts als sattes Grün. Müde fallen wir ins Bett. Timo schickt einen Kuss an seine Liebste daheim - knapp 2000 km entfernt.
Was bisher geschah:
Donnerstag, 3. Juni
Unglückliche Liebe
Nach langer Nacht und kurzer Ruhe planen wir beim gemeinsamen Frühstück den Tag. Um am Freitag in Vilnius zu sein, müssen wir heute nach Riga trampen. Ein Blick auf die
Karte: Wir sind nur wenige Kilometer von Russland entfernt und haben hier auf Hargo-Talu den östlichsten Punkt unserer Reise erreicht.
Wir begleiten Ute und ihr "Heinzelmännchen" Ines bei ihrer alltäglichen Runde über die Farm. Uns werden die Pferde vorgestellt, wir erfahren viel über die Lebensgeschichten
der Tiere. Die sind auch immer interessant. Egal ob Hund, Katze, Ziege oder eben Pferd. So berichtet die quirlige Frau, wie sie einem Hengst mal eine offene, blutende Wunde
zugehalten hat. "Mein Verlobter konnte das nicht - der war ja schon beinah umgeklappt, da hab ich halt selbst die Blutung gestoppt."
Wir sehen trächtige Stuten und prächtige Hengste. Leider gibt es nur noch sehr wenige reinrassige Tori-Pferde. Da die Abstammungsverhältnisse viel Diskussionsstoff liefern
und sich auch Fachleute uneinig sind, schätzt man die Zahl auf etwa 35 Tiere. Davon besitzt Ute allein 14, inklusive drei von vier zugelassenen Deckhengsten. "Viele Esten
wissen gar nicht, was sie an diesen reinrassigen Tieren haben. Die wollten die schon fast zum Schlachthof bringen. Aber ich habe vielen von diesen Toris das Leben gerettet
- einer muss sich doch um diese tollen Tiere kümmern."
Tori-Pferde sind estnisches Kulturgut und haben ihren eigenen Kopf. Für Sport- und Wettkampfveranstaltungen sind sie eher ungeeignet. Doch weil genau damit viel Geld
verdient wird, möchten einige Züchter andere Rassen in die Linie der Tori-Pferde einkreuzen, eben um konkurrenzfähige Turnierpferde zu besitzen. Ute kämpft dafür,
dass dieses Szenario nicht eintritt, denn das würde das Ende der Tori-Rasse bedeuten. Dabei rennt sie oft mit dem Kopf durch die Wand, aber das tut sie leidenschaftlich gern.
"Auch hier auf dem Hof bin ich der Boss", lacht die 34-Jährige. "Die Toris müssen wissen, wer hier ihre Herdenmutter ist..." Ute ist Pferdenärrin durch und durch. Erst
kommen die Toris, der Rest kann warten. Auch ihre eigenen Interessen stellt sie voll und ganz in den Dienst der eigenen Farm in der estnischen Pampa. "Zum Geburtstag
habe ich eine Kettensäge bekommen, damit ich die ganzen Bäume hier in den Griff bekomme." Zu Weihnachten soll eine elektrische Sense folgen.
Für uns beide hat Ute sich etwas ganz besonderes einfallen lassen: Wir dürfen uns als Rittmeister ausprobieren, zuerst Timo, dann Jeffrey. Lukas heißt der Wallach, ist zehn
Jahre alt und wegen seiner Freundlichkeit vor allem bei Kindern sehr beliebt. Genau der Richtige für uns. Das Knie angewinkelt, eine Stütze von Ute, schon sitzt Timo auf dem
Sattel. Lukas bleibt ruhig. "Er hat die Ohren nicht bewegt", meint Ute, "brauchst also keinen Schiss zu haben." Doch das ist leichter gesagt als getan, schließlich sitzen wir ja
nicht jeden Tag auf einem Tori-Pferd. Die sind einfach riesig. In mehrfacher Hinsicht.
Timo sitzt oben auf, ich möchte fotografieren. Aber leider klappt das nicht ganz: Hela, eine Stute, die mit in der Koppel ist, stellt sich permanent zwischen Kamera und Objekt.
Beim Versuch, doch noch eine vernünftige Aufnahme hin zu bekommen, legt Hela ihren Kopf auf meine Schulter. Sie beginnt zu schmusen, an Hose und Kassettenrekorder zu
knabbern. So verbringen wir eine ganze Weile zusammen, und ich muss gestehen, dass ich mich in Hela verliebt habe. Allein diese treuen schwarzen Augen... Leider endet
diese Liebesgeschichte unglücklich: Ich reagiere auf alle Tierhaare allergisch - das kann auf einer Farm mit über 40 Tieren ein gewisser Nachteil sein.
Trotzdem reiten wir beide auf Lukas. Das Gefühl dabei ist seltsam: In etwa wie ein 30-jähriger Käfer mit Tempo 100 und vier platten Reifen. Unsere Augen leuchten - nicht
nur wegen der Pferdehaarallergie.
Ute eilt schon zur nächsten Scheune. Stolz präsentiert sie uns ihren eigenen Verkaufsstand für Reitzubehör. "Den habe ich mir vor einem Jahr aufgebaut und jetzt
schon über 30 Sättel verkauft!" Die Käufer kommen aus ganz Estland, schließlich ist die temperamentvolle Ute dort bekannt wie ein bunter Hund, nicht nur bei Pferdefreunden.
Die Deutsche kann sich ihrer Umwelt anpassen. Seit zehn Jahren lebt sie nun auf ihrem Hof Hargo-Talu im ostestnischen Kurigat. Den Hof hat Ute nach ihrem früheren
Lieblings-Toripferd benannt, dem Hengst Hargo. Der ist damals in den Armen der Pferdezüchterin gestorben.
Sie spricht fließend Estnisch, Englisch und Russisch. Das Handy klingelt. Der Heulieferant aus Tallinn ist dran - Ute plaudert auf Estnisch, wir verstehen nur Bahnhof.
Ein paar Sekunden später sitzen wir am Kaffeetisch. Ein kurzer Plausch steht an, danach soll es gleich wieder an die Arbeit gehen. Ute scheint niemals still zu stehen.
Sie erzählt und zeigt, streichelt die Hunde und telefoniert zugleich auf Englisch. Wir sind einfach nur baff. Die 34-Jährige scheint ihren Laden wirklich ganz allein im Griff zu
haben. Doch Ines und wir sind ja auch noch da.
Die vier Hunde springen auf, bellen lautstark und rennen wie wild auf die Eingangstür der kleinen Holzhütte zu. Der Heulieferant ist da. Ein alter, etwas rabiater und
grobschlächtiger Este scheint er zu sein. "Der ist eigentlich ein Pfundskerl, wenn man ihn kennt", meint Ute. Das Heu auf dem blauen Ladewagen ist für Utes Tori-Pferde und
besteht aus etwa 100 Strohballen. Und die wollen vernünftig aufgestapelt werden. Ordnung muss sein.
Alle helfen tatkräftig mit, wir stapeln so vor uns hin. Die Zeit verfliegt, es wird fast fünf Uhr. Leider endet die Arbeit für Timo unglücklich: Er reagiert allergisch. Auf das Heu...
Da weder Arbeit noch Liebe zu einem Erfolgserlebnis führen, beschließen wir, beides für heute sein zu lassen. Wir wollen nach Riga zurück, um einen besseren Anschluss nach
Vilnius zu haben, wo in zwei Tagen leider unser Flieger zurück nach Leipzig geht.
Wir verabschieden uns von den unzähligen Tieren, ganz besonders natürlich von unseren Lieblingen, den Tori-Pferden. Dann müssen wir gehen.
Ute ist nett und spielt für uns die erste Mitfahrgelegenheit. Sie bringt uns an die Grenze zu Lettland, über das kleine und sehr heruntergekommene Städtchen Varna. Drei Viertel
der Stadt liegen in Estland, der Rest schon in Lettland.
Wie schön ist es, an der Grenze den Personalausweis zu zücken, zu versuchen, ein ähnlich dummes Gesicht zu machen, wie es jeder auf seinem Personalausweis tut und
einfach von einem EU-Staat in den nächsten zu gehen! Ute kommt mit, denn so oft besucht sie Lettland auch nicht. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, organisiert sie
mit Hilfe ihrer Sprachkenntnisse einen Reisebus, der auf dem Rückweg nach Riga ist. Der Bus ist folglich leer. Uns fällt es leicht, auf den 200 Kilometern in die lettische Hauptstadt ein wenig Ruhe zu finden.
In Riga angekommen, wird es schon schwieriger: Es ist inzwischen nach 21 Uhr, wir haben keine Schlafmöglichkeit. Wir ziehen durch die Straßen, streunen durch die
verwinkelte Altstadt Rigas, sehen unzählige prachtvolle Jugendstilvillen. Eine strahlt heller als die nächste. Nur einen Platz zum Schlafen, den finden wir nicht. Ob Wohnheim
oder Anquatschen auf der Straße, das Ergebnis bleibt das gleiche. Deshalb verbringen wir die Nacht in einem Internetcafe, das Schlafen haben wir uns mittlerweile abgewöhnt.
Morgen geht es nach Vilnius und wir schwören uns, notfalls einen Kredit aufzunehmen, um in einem Fünf-Sterne-Hotel einzuchecken. So ein richtiges Bett, das wäre doch mal wieder was.
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