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Seltskond, Ausgabe 6/2001 vom 09.02.2001

Herausgeber:

 

Artikel:

Ute Wohlrab: “Külarahvas ei vota mind omaks” (“In der Dorfgemeinschaft bleibe ich fremd”)

Text:

Sven Haljand

Fotos:

Väino Silm

 

(übersetzt aus dem Estnischen von Ute Wohlrab)


 

Die Deutsche Ute Wohlrab führt in der Nähe von Valga, in Kuigatsi, einen Bauernhof und bemitleidet die estnische Landbevölkerung, die ihr Leben vor dem Fernseher lebt und zu Sklaven schöner Dinge geworden ist.

Vor 11 Jahren kam das westdeutsche Schulmädchen Ute im Rahmen eines Jugendaustausches zum ersten Mal nach Estland. Das Hotel Olümpia, wo die Kapitalisten-Kinder übernachteten, hinterließ einen seltsamen Eindruck: Ute erinnert sich an die geschmacklosen, braunen Wandverkleidungen und daran, daß beim Frühstück für den Kaffee extra bezahlt werden mußte. Bei einem Mitreisenden klopfte nachts ein Mädchen an die Tür, fragend, ob er keine Sexwünsche habe. Aber bei Ute hinterließ alles einen Hauch von Sympathie und schlug Wurzeln.

Vor 6 Jahren veränderte die in Deutschland ein Juristenamt bekleidende Frau ihr Leben, sie verließ ihre Eltern und Freunde und zog nach Estland, in ein Bauernhaus in der Nähe von Otepää. Nun leitet sie in Valgamaa, in der Gegend von Kuigatsi Hargo-Talu, wo sie Tori-Pferde züchtet. Obwohl in der Wohlstandsgesellschaft aufgewachsen, ist Ute hier glücklich mit ihren fünf Hunden, drei Katzen, vier Ziegen, drei Hennen, Gockel und neun wohlgenährten Pferden.
"In Otepää kann ein normaler Mensch nicht leben, diese Gegend ist von Touristen beschlagnahmt. Also habe ich mich entschlossen, mein Zuhause in einer deutlich ruhigere Gegend einzurichten. Ich habe von den über hundert angebotenen Möglichkeiten immerhin 70 Höfe angesehen. Aber angekommen in Hargo-Talu wußte ich sofort, daß ich hier mein Zuhause gefunden habe." erklärt Ute.
Die Hausfrau serviert afrikanischen Tee und Süßigkeiten, die ihr Vater für Weihnachten geschickt hatte. Wenn Ute eine Kekspackung knisternd öffnet, stehen die fünf Hunde sofort neben ihr. Die energische kleine Frau schickt sie freundlich, aber bestimmt auf ihre Plätze.

Mir hat das Landleben immer gefallen, ich finde es einfach romantisch" spricht Ute, die in Deutschland in einer Kleinstadt gelebt hatte. Schon vor etwa zwanzig Jahren verliebte sie sich in Pferde und das Interesse am bäuerlichen Leben erwachte, als das kleine Mädchen bei einem alten Bauern ein und aus ging. Dort sammelte Ute auch erste Reiterfahrungen.

 

Unsicherheit beim Gehalt der Arbeiter

Ute erzählt, daß sie mit den Hofarbeiten allein hervorragend zurechtkommt. Wenn aber harte Arbeit anfällt, sucht sie Helfer. Allerdings ist dies auch ein sensibles Thema, denn viele estnische Gelegenheitsarbeiter sind faul, böse und unehrlich.

"Ich habe keine Angst vor Räubern, das machen meine Hunde für mich. Aber ich fürchte mich vor Menschen, die ich hier zu Gelegenheits-Arbeiten einstelle. Ich bin bereits bestohlen worden, es wurde bewußt Böses getan. Die Menschen scheinen vergessen zu haben, daß man für Gehalt auch ordentlich arbeiten muß. Sie glauben, für einige Bewegungen könnten sie zu reichen Männern werden. Mir erklärt man oft, das habe seine Wurzeln in der sowjetischen Zeit. Aber ich war damals in Estland und erinnere mich an gewissenhafte Menschen." erklärt Ute resolut.

"Mir wurde sogar schon erklärt, man müsse stehlen und ein wenig betrügen, sonst könne man nicht überleben. Aber ich betrüge und stehle nicht - und schaffe es auch. Ich bin nicht die reiche Deutsche, sondern ein ganz normaler Mensch, der unter den gleichen Bedingungen lebt wie andere auch. Ich habe weder ein dickes Auto noch Luxusleben. Dies wird in Estland überschätzt, wenn einer zu Geld kommt, kauft er ein Handy, einen noch größeren Fernseher oder eine Küchenmaschine. Aber das sind nur Dinge! Geld  muß man mit Bedacht investieren."

 

Kein Kontakt zu Nachbarn

Wenn die Rede auf die Nachbarn kommt, dann wird Ute traurig. Sie, das deutsche Fräulein, will man nicht in die Dorfgemeinschaft aufnehmen. Wenn Ute um Rat gebeten wird und ihre Kenntnisse zur Verfügung stellt, hört man ihr zwar zu, aber dann wird erklärt, was für eine dumme Deutsche sie doch ist und daß sie keine Ahnung habe. So benehmen sich die sturen Esten.

"Ich spreche selten mit meinen Nachbarn. Viele trinken, wie soll ich mit ihnen dann reden? Sie sprechen ja auch untereinander kaum etwas. Die Menschen haben sich von ihrer Umgebung isoliert, sie sitzen vor dem Fernseher und beobachten von morgens bis abends Seifenopern. Manchmal denke ich, es ist ihnen gleichgültig, was auf der Welt passiert, Hauptsache der Fernseher funktioniert." sagt Ute ironisch.

"Ich möchte manches Mal herausschreien, daß die falschen Goldkettchen, die Autos, Villen und Juwelen, die sie im Fernsehen bewundern, nicht das echte Leben sind. Das sind doch Schauspieler, die für ihre Arbeit beim Film bezahlt werden. Aber dann denke ich, ich darf den Menschen ihren Traum nicht stehlen. Ich habe ja nichts gegen Fernsehschauen, aber man kann das auch in normalerem Rahmen tun. Die Menschen hier beginnen doch schon, sich gegenseitig Lebenstips aus den Seifenopern zu geben. Ich habe auch einen Fernseher - wenn ich etwas sehen will, hole ich ihn aus dem Schrank und schließe ihn an. Aber das geschieht selten."

Als ich Ute frage, wovon sie träumt, versinkt sie einen Augenblick in Gedanken. Ute antwortet, daß einer ihrer größten Wünsche ist, daß die Toripferde nicht aussterben, sie hofft, daß der eine oder andere sieht, wie viel Freude sich durch ihre Arbeit erfährt und macht es ihr nach. Sie ist zufrieden, wenn sie ihre dicken, glänzenden Pferde sieht, die im Schnee spielen. Sie wäre glücklicher, wenn die Menschen beginnen würden, freundlicher miteinander umzugehen.

Die Pferde von Ute sind freundlich wie Kuscheltiere. Die schwarze Hela kommt sofort und legt ihren Kopf auf Utes Schulter wie ein Hund. Helas Mutter hat morgen Geburtstag, dann bekommen alle Pferde Zucker. Die Hengste toben wie junge Katzen, nur eine schokoladenbraune Stute hält sich abseits und frißt ihr Heu. Sie hat Angst vor Menschen, irgendwann wurde sie wohl mißhandelt.

"Pferde darf man nicht in kleinen Ställen halten, das verursacht Streß, die Muskeln bilden sich zurück. Die Reiter sollten ihren Pferden einfach öfter in die Augen sehen, denn dort spiegeln sich ihre Gefühle wider. Pferde können nicht schreien, wenn sie Schmerzen vom Sporengeben haben oder der Sattel den Rücken verletzt. Leider wissen das die meisten Reiter nicht.

Ute öffnet die Türe zum Hühnerhaus. Das blaugrün gestrichene Häuschen ist mit Elektro-Heizung und Licht ausgestattet. "Wie geht es, Hühnchen? Sie legen keine Eier mehr, sie leben einfach so hier. Auch der Gockel ist so ein Braver" erklärt Ute

 

Sie spricht mit den Tieren

Ute hat einen vielseitigen Charakter. Sie erzählt, daß sie eigentlich ein geselliger Typ ist, aber ebenso erklärt sie, daß sie beispielsweise kein Radio hören will. Manchmal sind tagelang ihre einzigen Gesprächspartner ihre Tiere.
Mit dem Verlassen Deutschlands brachen viele Kontakte ab. Die bleibenden Freunde werden per Email auf dem laufenden gehalten. Sie liest und schreibt unglaublich viel. Auch für deutsche Zeitschriften und hauptsächlich über Pferde.
Als sie ihr Heimatland verließ, packte sie unglaubliche Mengen Bücher ein. Ute gefallen klassische Werke, hier findet sie gute Lebensansichten. Wenn sie alleine auf eine Insel ziehen müßte, würde sie sicherlich einen Koffer voller Bücher mitnehmen.

"Irgendwie bin ich hier auch auf einer einsamen Insel. Als ich nach Estland zog, prophezeiten meine Bekannten, bis zum Winter käme ich wieder zurück. Nun ist das siebte Jahr bald voll und ich möchte nicht zurückgehen. Heimat ist ein dehnbarer Begriff - für mich bedeutet es das Elternhaus, mein Lebensgefährte in Berlin und hier, der Hof. Zuhauses ist man dort, wo man sich wohlfühlt." erzählt Ute. In letzter Zeit zog ihr Lebensgefährte nach Tallinn, nun hat sie ein viertes Zuhause.

In Estland hat Ute nicht viele Freunde. Drei deutsche Lehrerfamilien in Tartu und Freunde in Valga. Ute gesteht, manchmal würde sie gerne mehr Kontakt haben, aber beklagen wolle sie sich nicht. Ihrer Meinung nach hat sich die Landbevölkerung verändert. Der Deutschen scheint, daß die Menschen sich gegenseitig geradezu hassen. Wenn einer sich ein neues Auto kauft, grüßt der andere ihn nicht mehr. Durch die auf materieller Basis entstandenen Spannungen haben sich zwischen ihnen Mauern errichtet.

"Vielleicht hat sich alles verschärft, als die Milch-Preise so dramatisch fielen? Ich kann es nicht begründen, aber es ist fühlbar. Der neue Präsident und ein neues Parlament können dem Volk nicht helfen, wenn das Volk sich selbst nicht helfen will. Mein Lebensgefährte war vor kurzem im Kosovo. Die Menschen dort haben schreckliches durchleben müssen und trotzdem können sie lachen. Aber im ruhigen Estland sind alle traurig. Es gibt keine "Talgud" (Nachbarschaftsprojekte) mehr, es gibt keinen
"Simman" (Abschlußfest der Talgud). Warum? In Deutschland ist gerade auf dem Lande das gesellschaftliche Leben wichtig und die Menschen freuen sich auch darüber.

 

Es gibt keine Ideale in Estland

Ute gefällt es, in Opern zu gehen. Sie springt manchmal in ihren betagten VW Golf und flieht nach Tallinn, um sich zu unterhalten. Für Gäste holt sie gerne das alte Grammophon heraus und spielt Schellack-Platten.

Ute trägt keinen Ohrschmuck oder Ringe. Sie schminkt sich nicht. "Ein geschminktes Gesicht ist nicht mehr mein eigenes. Wenn mich jemand lobt, das Make-up sei gelungen, dann ist das für mich kein Kompliment. Ich trage nur manchmal die Perlen meiner Großmutter oder eine Kette, die mein Lebensgefährte mir geschenkt hat." erklärt Ute, die traditionsreiche Stücke liebt. Das weiße Porzellanservice, mit dem wir bewirtet werden, stammt von der Urgroßmutter. Ute findet, man müsse Dinge erhalten, so lange es möglich ist.

Ute versteht die Landbevölkerung nicht, wenn sie ihre Umgebung, die wilde Schönheit der Natur nicht genießen will. "Sie gehen ja nicht einmal Blumen pflücken. In den Vasen stehen Rosen, keine Wiesenblumen. Warum? Erst wenn man den Wald schlagen kann, sieht man ihn, um dann schnell Geld zu machen und sich ein Auto zu kaufen." kritisiert die junge Bäuerin. Ihre Kritik erhalten auch die Politiker, die mit teuren Autos und riesigen Villen posieren. So gibt man dem Volk kein Vorbild, sondern vergrößert nur den Neid.
"In Estland gibt es keine Menschen, die sich jungen Leuten zum Vorbild nehmen könnten." meint Ute. "Die Menschen träumen nur von Dingen, die sie noch nicht haben und verbittern so mit der Zeit. Wenn ich es mir leisten kann, kaufe ich für dieses Feld 10 Dinosaurier und so lange ich das nicht schaffe, kritisiere ich Staat und Regierung? Man sollte doch lieber in den Grenzen der eigenen Möglichkeiten und Kenntnisse leben, nicht in einer Scheinwelt. Dann wird auch das Leben besser."

 

 

Leserbriefe:

 

von Nublu 17.02.2001

"Sehr gut getroffen. Der Este ist böse und neidisch. Das Glück liegt nicht in der Wüste verborgen, sondern in unseren Herzen. Ich wünsche Ute, daß sie ein paar ebenso denkende Freunde findet und viel Erfolg im unfreundlichen Estland. Hut ab. Du bist stark."

 

von Piret 17.02.2001

Solche Artikel müßte es mehr geben, damit die Menschen verstehen, wie rücksichtslos sie sind. Wenn das Leben nicht hart ist, werden die Menschen verrückt. Ich lebe in Deutschland, bin aber Estin und besuche immer wieder Estland, obwohl ich nicht einen einzigen Freund mehr hier habe, weil ich einen besseren geheiratet habe, der die "verunglückte" Eigenschaft hat, Deutscher zu sein. Purer Neid, obwohl ich mich nicht verändert habe. Ich wünsche Ute, daß sie das durchhält.

 

von Sandra 17.02.2001

Estland ist ein armes Land, ohne Auslandsinvestoren und finnische Touristen würde hier gar nichts passieren. Arbeitslosigkeit etc. Aber die Esten bilden sich ein, daß sie am Nabel der Welt leben, Nase hoch und voller Selbstüberschätzung. Zeigen nur Zeug, mit dem sie sich schnell selbst darstellen können, z.B. in der Zeitung.

 

von Liisa 18.02.2001

Ute, Du bist ein bewundernswerter und starker Charakter, genau so wie Du es tust, helfen Menschen die Welt und auch das kleine Estland besser zu machen. Ich lebe derzeit nicht in Estland und bewundere den Lebensstil und die Ansichten von Ute: DIE BEREITSCHAFT, AUGENBLICKE  UND KLEINIGKEITEN ZU SCHÄTZEN, DIE MAN HAT - das ist so wichtig für das innere Gleichgewicht und die eigene Entwicklung. Kraft und gute Ideen wünsche ich Dir, Ute, und allen Mitmenschen.

 

von Maike 19.02.2001

Es ist doch altbekannt, daß die Leibspeise eines Esten der andere Este ist. Ute bitte sei nicht traurig, daß Du keine Freunde hast. Die Esten sind kein freundliches Volk. Das Landleben kann man bestimmt nicht loben, die meisten Männer schauen auf den Flaschengrund, Arbeitsplätze gibt es keine und selbst möchten sie ja auch lieber gar nichts unternehmen, womit man das Leben verbessern könnte.