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Zeitschrift:

Maaleht, Ausgabe vom 19.08.1999

Herausgeber:

Agu Veetamm

Artikel:

“Sie tanzt mit Pferden”

Text:

Kati Murutar

 

(übersetzt aus dem Estnischen von Ute Wohlrab)


 

Ute Wohlrab, eine Deutsche mit Juristen-Diplom, und Meelis Linnamägi, Biologielehrer an der Puka Schule, betreiben nahe der Verbindungsstraße Tartu-Valga bei Kuigatsi einen Musterbetrieb mit reinrassigen Tori-Pferden.

Die beiden Freunde werden von anderen Pferdeleuten für ein wenig ungewöhnlich gehalten – allerdings unterscheiden sich deren Aktivitäten auch davon was auf den gewöhnlichen Pferdezucht-Betrieben geschieht. Ohnehin redet man in der Pferdezucht nicht gerade gut vom andern, daher verwundert es nicht, wenn Ute wegen ihres Fanatismus ein wenig beargwöhnt wird.

Ute Wohlrab war vor 10 Jahren im Rahmen eines Jugendaustauschprogrammes zum ersten Mal in Estland. Sie verliebte sich in unser Land vom ersten Augenblick an und entschied, eines Tages hier zu leben. Vor 5 Jahren begann sie in Otepää mit einem Tourismushof. Nun pflegt sie auf Hargo-Talu zusammen mit einem Freund überraschend naturnahe Hofkultur. Sie benannte ihren Hof nach dem berühmten Tori-Hengst Hargo und diese Rasse zu retten, wurde zur Mission.

 

Vor der Wurstfabrik bewahrt

Derzeit leben bei Ute Wohlrab acht ausgewachsene Pferde und zwei kleine Fohlen. Ute ist überglücklich, daß Allegro und Aurelius kleine Hengste sind, denn in Estland gibt es nur noch drei reinrassige Tori-Deckhengste. Alle Pferde gelangten in sehr schlechtem Zustand in Utes Hände. Das eine wurde halbverhungert in einer Kälberkolchose gefunden, ein anderes praktisch vor den Toren der Wurstfabrik weggebracht.

Eine außergewöhnliche Kur benötigte der großartige Hengst Heigo. Der Vorderhuf des zukünftigen Fohlen-Vaters war verwachsen, innen waren Hufwand und Sohle verkantet. Die kritische Stelle wurde ausgeschnitten und mit dem aus Deutschland extra gebrachten neuesten Hufkitt wurde der Huf neu aufgebaut. Traurig aber wahr: beim ersten Versuch, wieder zu gehen, rannte der Hengst übermütig hinter seinen Stuten her und die Prothese hielt zunächst nicht stand. Erst das zweite Mal brachte den erwarteten Erfolg. Inzwischen ist der Stolz der Tori-Zucht und deren Zukunftsperspektive wieder in bestem Zustand, er lahmt nicht einmal mehr.

In diesem Frühling gebar eine für unfruchtbar gehaltene Stute ein ausgesprochen schönes Fohlen zum Dank dafür, daß die Pferde hier in idealen Bedingungen gehalten werden. Sie leben das ganze Jahr über in geräumigen Koppeln. Obwohl ihnen hervorragende Unterstände gebaut wurden, bevorzugen die Tiere, selbst zu entscheiden und schlafen im Winter im Schnee an der frischen Luft. Auch werden die Pferde mit ausgewogenem Futter versorgt. Ute hält es in diesen freien und naturnahen Bedingungen für sehr wichtig, um den Tieren normales Herdenverhalten zu ermöglichen – Hierarchie und Unterwerfung.

Die Wurzeln aller in Hargo-Talu gehaltenen Pferde gehen auf den berühmten Stammvater Hetman zurück. Er wurde aus Polen vom Gutsherrn Graf Friedrich von Berg aus Sangaste gebracht, der ja noch mit weiteren landwirtschaftlichen Neuerungen in die Geschichte eingegangen ist. Ab 1892 wurde Hetman als Beschäler in der Tori-Pferdezucht eingesetzt.

Im Augenblick sind nicht einmal mehr 100 reinrassige Tori-Pferde übrig. Ute hält es für ein großes Problem, daß die Tori-Stuten wahllos mit leichteren Hengsten gedeckt werden. Damit verschwindet nicht nur die einheitliche Gestalt der Tori-Pferde, sondern auch deren Charakter. Anfangs war das Tori-Pferd ein eher friedliches, arbeitsfreudiges Pferd gewesen. Obwohl es äußerlich eher massig wirkt, bewegt es sich leicht und elegant. Daher paßt diese Rasse sowohl zum Reiten als auch für die Kutsche, aber auch ins Arbeitsgeschirr.

Die einzige Rasse, mit der das Tori-Pferd offiziell gekreuzt werden darf, ist der Hannoveraner. Somit findet man in den estnischen Ställen häufig als Tori bezeichnete Pferde, die in Wirklichkeit aber nur Mischlinge sind.

Ritt ins Glück? Mit der Erhaltung der Tori-Rasse wird man sicher nicht reich. Um dieses Pferd erschwinglich zu machen für die Menschen, für die es gedacht ist, kann man dessen Preis nicht in die Höhe schrauben. Ute würde gerne noch Zuchtstuten kaufen und weitere Unterstände bauen lassen. Um das Geld für diese Aufbauarbeit und Erweiterung aufbringen zu können, würde sie auch eine Kunstauktion veranstalten. Für die Zukunft dieser Pferderasse ist Ute sogar bereit, ihre wertvolle Gemäldesammlung zu verkaufen.

Verständlich, daß man mit einem Tourismushof nicht viel Geld erwirtschaftet. Um im Heu zu schlafen und die Milch der weißen Ziegen zu probieren, kommen immer wieder Gäste, aber doch nicht so viele, um nur davon zu leben. Und mit dem verbreitetsten Geschäft mit Pferden – dem typischen Reit-Tourismus – will Ute nichts zu tun haben. Sie findet, es schade den Pferden. Die Anfänger reißen den Pferden im Maul und wissen nicht, wie sie mit ihren Beinen umgehen sollen. Und es ist auch zu berücksichtigen, daß manche Pferde für Sport oder für Reitanfänger ungeeignet sind.

Utes strikte Einstellung zum Reit-Tourismus versteht man, wenn man ihre filigrane Arbeit mit Pferden beobachtet.

 

Mit Pferden tanzen

Ute reitet seit ihrem 9. Lebensjahr, also seit 20 Jahren. Außerdem hat sie interessantes Wissen, welches in Estland praktisch unbekannt ist: sie ist Pferdeflüsterer. Diese Kunst hat sie nach den Schriften amerikanischer und deutscher Fachleute erlernt.

Das Pferdeflüstern sieht von weitem wie Hypnose aus. Der Flüsterer benützt eine lange Peitsche, die Schweif und Vorderbein symbolisiert, abwechselnd ein langes Seil, das ebenfalls den Schweif ersetzt. Da Pferde ja bekanntlich Herdentiere sind, benutzt der Flüsterer deren Herdengesetze. Erst einmal schickt er das Pferd von sich weg. Dadurch fühlt sich das Pferd hilflos und sucht innerhalb der Umzäunung nach Anlehnung. Das Pferd dreht das innere Ohr dem Pferdeflüsterer zu und zeigt so seine Unterwürfigkeit. Aus dem Menschen ist das Leittier geworden. Wenn er nun vor dem Pferd hergeht, ist er die Leitstute. Bewegt er sich hinter dem Pferd, besetzt er die Position des Leithengstes. Wie in freier Wildbahn.

Das Pferd beginnt die Bewegungen des Menschen nachzuahmen und das, was in der Umzäunung stattfindet, ist der reinste Tanz. Der Tanz mit dem Pferd.