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Zeitschrift:

Freizeit im Sattel, November 2003

Herausgeber:

fs Verlag GmbH

Artikel:

“Tori-Pferde - die raren Robusten”

Text:

Ute Wohlrab

 


 

Papa kann mit ihnen Kutsche fahren, die Tochter voltigieren, Mama ab und zu eine Dressur bestreiten, und zwischendurch geht es ein bißchen ins Gelände. Tori-Pferde sind extrem vielseitig, auch wenn sie nicht als Olympioniken taugen. Letzeres verhindert die Körpermasse dieser schweren Warmblüter aus Estland, die im Durchschnitt 700 kg wiegen.

Die Rasse ist relativ jung: 1856 wurde auf Initiative des livländischen Adels in Tori das Hauptgestüt gegründet, wo man zunächst estnische Kleinpferde mit schweren finnischen Warm- und arabischen Vollblütern kreuzte. Zu einer eigenständigen Rasse wurden Tori-Pferde aber erst, als Ende des 19. Jahrhunderts der Hengst Hetman aus Polen ins Gestüt kam.

Hetman war der Sohn einer Hunter-Stute, sein Vater stammte von einem Norfolk-Trotter und einer  Anglo-Normannen-Stute ab.

Bis heute gehen alle reinrassigen Tori-Pferde auf diesen Hengst zurück, der neben seinem freundlichen, menschenbezogenen Charakter auch einen starken Arbeits- und Lernwillen sowie energische, schwungvolle Gänge vererbte.

 

Akut vom Aussterben bedroht

 

Am Anfang wurden Tori-Pferde für die Zarenkavallerie und die Kutschen der baltischen Güter, später auch für die Landwirtschaft gezüchtet.

In den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts, als Estland noch kaum industrialisiert und technisiert war, belief sich die Population auf ungefähr 8000, in den 80ern immerhin noch auf rund 4000 Tiere.

Ganz anders dagegen die heitige Situation. Nach einer Schätzung des estnischen Landwirtschaftsministeriums gibt es höchstens noch 50 reinrassige Tori-Pferde - womit diese Rasse akut vom Aussterben bedroht ist. Das Verfahren zur Anerkennung bei der Gesellschaft zur Erhaltung gefährdeter Haustierrassen (GEH) läuft derzeit.

Der Grund für diese prekäre Lage: Weil die Nachfrage nach leichteren Pferden für den Sport seit Jahren steigt, werden heute Warm- und Vollblüter zwölf verschiedener Rassen (Alt-Hannoveraner, englische Vollblüter, arabische Vollblter, Holsteiner, Westfalen, Oldenburger, Orlow-Traber, Budjonnys, Achal-Tekkiner, holländische Warmblüter) in die Toris eingekreuzt.

 

Tori-Pferde des alten Schlages werden benachteiligt

 

Weil er mit ihnen das große Geld zu machen hofft, propagiert der estnische Pferdezuchtverband massiv die extrem leichten “Sport-Toris” des neuen Schlages und benachteiligt die reinrassigen Pferde des alten Schlages - etwa, indem er eine für sie ungünstige Körordnung schuf. Folglich interessiert sich heute in Estland kaum jemand für die ehemals berühmten Dunkelfüchse.

Ute Wohlrab mit Stute Hela, einem von 19 reinrassigen Tori-Pferden, die sie derzeit auf ihrem Gestüt Hargo Talu in Estland hält. Die Deutsche kam 1989 im Rahmen eines Schüleraustausches zum ersten Mal in die baltische Republik, 1994 zog sie dorthin um und verschrieb sich der Aufgabe, auf ihrem kleinen Bauernhof in der Gegend von Kuigatsi die schweren Warmblüter vor dem Aussterben zu bewahren.

 

Dieser verhängnisvollen Entwicklung versuche ich auf meinem kleinen Bauernhof in Estland entgegenzuwirken. Auf meinem vom estnischen Landwirtschaftsministerium anerkannten Musterbetrieb, wo sich der einzige Offenstall Estlands befindet, halte ich derzeit 19 reinrassige Tori-Pferde, die teilweise aus entsetzlichen Bedingungen oder vor dem Schlacht-Transport nach Italien gerettet wurden. Darunter sind drei der vier reinrassigen Tori-Deckhengste, die es zur Zeit gibt, sowie sieben eingetragene Zuchtstuten, die teilweise schon aus meiner eigenen Nachzucht stammen.

 

Bald sieben reinrassige Toris in Deutschland

 

Weshalb ich reinrassige Tori-Pferde unbedingt vor dem Aussterben bewahren will? Sie sind eindeutig robuster und unkomplizierter im Umgang als die hochgezüchteten Sport-Toris. Und im Gegensatz zu den zahllosen Sportpferderassen, die man oft nur noch am Brand voneinander unterscheiden kann, sind sie einfach unverwechselbar.

Um die winzige Population nicht zusätzlich zu gefährden, verkaufe ich nur in Ausnahmefällen Pferde. Soweit es mir möglich ist, vermittle ich Tori-Interessenten aber gerne anderweitige Kontakte.

Ein Problem in diesem Zusammenhang ist allerdings, daß in Osteuropa oft keine Rede von artgerechter Pferdehaltung und pferdefreundlichem Umgang sein kann. Häufig haben die Tiere die daraus resultierenden psychischen Schäden gerade erst überwunden, wenn die körperlichen zutage treten.

Ein reinrasiges Tori-Reitpferd von einem der wenigen verantwortungsbewußten Züchter kostet etwa 2500 bis 4000 Euro. Der Import nach Deutschland ist in der Regel problemlos und beläuft sich inklusive Tierarzt, Transport und anderen Leistungen auf rund 700 Euro.

 

Projektarbeit und Pferde-Patenschaften

 

In der Bundesrepublik habe ich bisher fünf reinrassige Toris finden können. Diese fünf Tiere werden in Ostfriesland bald Verstärkung von einem vorgekörten Junghengst und einer Stute aus meiner Zucht bekommen.

In Deutschland wurde im Juli 2003 auch der Verein zum Erhalt reinrassiger Tori-Pferde alten Schlages e.V. mit Sitz in Oberhausen gegründet. Sein Ziel ist es, Züchter reinrassiger Toris im In- und Ausland durch gezielte Projektarbeit zu unterstützen und mit Sachspenden-Aktionen und der Vermittlung von Pferde-Patenschaften die derzeitige Situation der Rasse zu verbessern.

Ich selbst suche vor allem in Estland, aber auch europaweit nach reinrassigen Tori-Pferden, katalogisiere diese, versuche, eine Zusammenarbeit zwischen Haltern und Züchtern zu organisieren und arbeite gemeinsam mit dem estnischen Landwirtschaftsministerium Kriterien zum Schutz dieser Rasse aus - damit die liebenswerten Esten als ein Teil des europäischen Kulturgutes erhalten bleiben.

 

Ute Wohlrab

 

Steckbrief Tori-Pferd (Torgelsches Pferd)

  • Größe: durchschnittlich 158 - 166 Zentimeter
  • Exterieur: Das reinrassige Tori-Pferd ist ein  typisches schweres Warmblut mit sehr sauberem und stabilem Gebäude
  • Farben: Früher waren die “Torgelschen Dunkelfüchse” berühmt. Allerdings kommen bei den Toris alle Fuchsschattierungen sowei Braune und Rappen vor. Isabellen und Schimmel sind dagegen sehr selten.
  • Ute Wohlrab, Hargo Talu, EST - 68226 Kuigatsi, Telefon 00372 - 56 - 46 43 49, E-Mail: ute@hargo-talu.de, Internet: www.hargo-talu.de
  • Verein zum Erhalt reinrassiger Tori-Pferde alten Schlages e.V., E-Mail: angelika.nonnenbroich@tori-project.com, Internet: www.tori-project.com