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Zeitschrift:

The Baltic Times, 20-26 März 2003

Herausgeber:

 

Artikel:

“Time running out for homebred horses”

Text:

Steve Roman, Tallinn

 


 

Früher waren sie die bevorzugte Rasse für die Offiziere der Kavallerie russischer Zaren. Später bearbeiteten sie die Bauernhöfe der ersten Estnischen Republik. Nun ist das Tori-Pferd, die kräftige und zuverlässige einheimische Rasse Estlands, vom Aussterben bedroht und die Bemühungen, es zu retten, könnten nicht ungenügend und zu spät erfolgen.

 

Das Tori Pferd hatte seine Anfänge im Jahr 1856 in Tori, nahe der südestnischen Stadt Pärnu, als baltische Adlige versuchten, eine beeindruckende Reitpferde-Rasse für den Export zu schaffen. Sie begannen Arabischen Vollblüter mit Estnischen Ponies und finnischen Arbeitspferden zu kreuzen. Aber die Tori Pferde, wie man sie in Estland heute kennt, entstanden erst nach 1890, als ein Hengst namens Hetman aus Polen importiert und in hohem Maße in der Zucht eingesezt wurde.

 

Das Ergebnis war ein schweres, kraftvoll gebautes und gelehriges Pferd. Die vielseitigen Toris waren nicht nur sowohl für den Einsatz in der Kavallerie als auch für Feldarbeiten ausgezeichnet, sondern auch die universelle Eignung und das zuverlässige Charakter machten sie beliebt für Freizeitreiten und Dressur - der Präzision von Reitfiguren auf Turnieren. Aber in einem Punkt sind diese Pferde nicht gut genug: dem Springen - und das könnte ihr Verhängnis werden.
Seit vielen Jahren konzentriert sich der europäische Pferdemarkt auf leichte "Sport"-Pferde für Springturniere, während die Nachfrage für schwerere Pferde, wie die Tori-Pferde, stark gesunken ist. Diese Tatsache, zusammen mit schweren wirtschaftlichen Zeiten in der estnischen Landwirtschaft, ließ ihre Anzahl sinken. Seit Anfang 1990 fanden sich viele Tori-Besitzer nicht mehr in der Lage, Pferde zu halten und verkauften sie dem Schlachter. Heute beträgt die Anzahl der reinrassigen Tori Pferde nicht mehr als ein paar Dutzend.

 

Was die Angelegenheit noch komplizierter macht, ist die Tatsache, daß von anderen Züchtern in der letzten Zeit ein zweiter Typ der Tori Pferde entwickelt wurde, der zwar verwandt mit dem ursprünglichen Tori Pferd ist, sich aber hauptsächlich aus neuem Blut verschiedener europäischer Sportrassen zusammensetzt. Der dadurch entstandene "Sport-Tori" ist, wie der Name schon sagt, ein leichtes Pferd und besser auf dem westlichen Markt zu verkaufen. Das bedeutet allerdings, daß die charakteristischen Eigenschaften des Tori Pferdes in der estnischen Population mit jeder Generation mehr verschwinden.

 

An der Spitze der Bemühungen, den alten Rassetyp zu erhalten, steht die aus Süddeutschland stammende Ute Wohlrab, die Anfang der 1990er Jahre ihre Pferdezucht in Estland gründete. Ihr Hof Hargo-Talu rühmt sich, die größte Population reinrassiger Tori Pferde des Landes zu haben - 10 Stuten und drei Hengste. Ihr Ziel ist es, mehr der noch existierenden reinrassigen Toris zu sammeln, um die Zucht fortführen zu können. Jedoch ist sie sich der Schwere dieser Aufgabe bewußt, zum einen noch weitere Pferde zu finden und zum anderen staatliche Unterstützung für den Rasse-Erhalt zu erlangen.

 

Als Hauptursache dieser Probleme sieht sie den Estnischen Pferdezuchtverband, dessen Aufgabe es ist, die einheimische Pferdezucht zu koordinieren. Sie erklärt, der Pferdezuchtverband unterstütze keinerlei notwenige Zusammenarbeit der Züchter reinrassiger Toris und behindert die Aufgabe des Erhalts, indem beide Typen des Tori Pferdes in einem Zuchtbuch einfach in einen Topf geworfen werden. 

 

"Das Problem mit der Tori-Rasse ist, daß hier kein Unterschied zwischen dem Zucht-Konzept der alten Schläge, der original Toris, und dem neuen Sportpferd gemacht wird. Sie stehen alle in einem Zuchtbuch, somit kann man nie herausfinden, wie viele reinrassige Toris es noch gibt und wie viele vom neuen Typ." führt sie aus. "Die traditionellen  Tori-Pferde sind nicht katalogisiert, man erhält keinerlei Information, wo sie sich befinden. Diese Pferde sind über ganz Estland verstreut und viele werden an den Schlachter verkauft, weil keiner weiß, was er mit ihnen anfangen kann." ergänzt sie.

 

Offizielle Statistiken machen allerdings einen Unterschied zwischen Sport-Toris und den sogenannten "Universal-Toris", aber Ute Wohlrab betont, daß die Bezeichnung Universal-Tori auf jeden schwereren Tori angewendet wird, wobei viele von ihnen bestenfalls ein Viertel Tori sind - nicht ausreichend, um die Rasse zu erhalten.

 

Enn Rand, der Direktor des Pferdezuchtverbandes, weist die Kritik von sich und erklärt, daß seine Organisation plane, staatliche Unterstützung speziell für die Züchter des alten Tori-Schlages zu beantragen. Obwohl er trotzdem verteidigt, die auf den Sport-Tori ausgerichteten Zuchtpläne zu unterstützen.

 

"Ich sage absolut nicht, daß ein schwereres Pferd schlecht ist" sagt Rand. "Das estnische Landleben ist nicht so leicht. Es ist viel einfacher, ein leichtes Pferd zu verkaufen."

 

Die staatliche Veterinär- und Lebensmittel-Behörde, die die Aktivitäten der Zuchtorganisationen überwacht, versucht, den Konflikt beizulegen und im kommenden Jahr staatliche Gelder zur Verfügung zu stellen, um die Situation zu erleichtern.

 

Ute Wohlrab hält allerdings definitiv nicht den Atem an, um auf staatliche Hilfe zu warten. Sie hat bereits eine Handvoll private Spender gefunden, vor allem aus Deutschland. Sie betont, daß derzeit nur noch drei reinrassige Hengste existieren, drei mehr wären akzeptabel für den Fortbestand der Rasse. Aber diese seien alt und in Gefahr, den Winter nicht zu überleben.

 

Sie sucht derzeit Menschen, die Futter und tierärztliche Hilfe für neue aufzunehmende Stuten sponsern würden und züchtet so viele Fohlen als nur möglich, in der Hoffnung, die Tori Pferde erhalten zu können - wenigstens eine weitere Generation.