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Zeitschrift:
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Arche Nova, Ausgabe 2/2001
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Herausgeber:
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Gesellschaft zur Erhaltung aussterbender Haustierrassen (GEH), Witzenhausen
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Artikel:
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“Rettet das Torgel’sche Pferd!”
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Text:
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Friedrich Lange
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Eine Reportage im Ostseereport des NDR machte mich auf das letzte Gestüt der Tori-Pferde alter Zuchtrichtung (estisch: Tori-hobune, englisch: Tori-Horse/Toric) von
Ute Wohlrab im Süden Estlands aufmerksam. Die Journalistin Heidi Sämann berichtete eindringlich über den wirtschaftlich wie persönlich über die Kräfte eines
einzelnen Menschen gehenden Einsatz. Spätere Nachforschungen machten schnell klar, daß es so fast aussichtslos erscheint, diese Rasse zu erhalten.
Die Toris in Reinzucht waren mit dem Ende russisch-kommunistischer Wirtschaftsweise als nicht mehr marktkonform befunden worden und die Privatisierung der Großbetriebe,
schließlich auch des Stammgestüts in Tori/Torgel führte konsequenterweise wegen dieser Geringschätzung -"schlechter Marketing-Artikel"- fast immer zum
Schlachttiertransport nach Italien. Manche der verbliebenen Züchter versuchten auf Vorschlag des estnischen Pferdezuchtverbands durch mehr oder weniger planlose
Einkreuzung von Vollblut, Hannoveraner, Traber, Trakehner ... die Veredelung in Richtung eines modischen Einheits-Sportpferds.
Die verbliebenen Reste reinrassiger Tori-Bestände der ursprünglichen Zuchtrichtung im Lande sind verschwindend gering, davon vereinzelte auch isoliert in Deutschland. Toris
wurden allerdings oft ohne Papiere exportiert. Züchterisch bemüht sich am angestammten Standort nur noch Ute Wohlrab auf ihrem Hof “Hargo-Talu” um den Fortbestand.
Weder im Westen noch im eigenen Lande konnte bisher amtliche Unterstützung erzielt werden. Die in Estland wie in Deutschland häufig wiederholte, aber dadurch nicht
überzeugendere Argumentation lautet, es handle sich nicht um eine erhaltenswerte Rasse, da sie weder alt noch rein noch ursprünglich estnisch sei. Es sei lediglich eine
Kreuzung mehrerer europäischer Rassen, jederzeit daraus wieder nachzuzüchten.
Die Tori-Pferde könnten in diesem Jahr ihr 145-jähriges Jubiläum planmäßiger Zucht im Stammgestüt in Tori (dt. Torgel) feiern. Es ist 5 nach 12, wenn diese Rasse erhalten
und letzte Exemplare zusammengeführt werden sollen.
Rassekurzportrait
Die Tori-Pferde sind als schwere Warmblüter zur universellen Nutzung geeignet. Vor allem fällt der ausgesprochen liebenswerte Charakter auf. Diese Pferde entsprechen mit
ihren beeindruckenden, schwungvoll-eleganten Bewegungen dem Kutsch- oder Kavallerie-Pferde-Typ.
Das moderne Tori-Pferd ist ein Kutsch- und Freizeitpferd mit sehr sauberem und stabilem Gebäude. Kennzeichnend sind ein großer bis mittelgroßer trockener Kopf,
manchmal mit kräftigem Hals. Der Widerrist ist normal hoch ausgeprägt, der Rücken lang und eher flach, die Nierenpartie mittel bis breit, die Kruppe breit, lang und gut
bemuskelt, die Brust sehr weit und tief, die Gliedmaßen klar und korrekt. Die Durchschnittsmaße erwachsener Tori-Hengste waren 1982: Widerrist Stockmaß 162,
gesamte Länge 170, Brustumfang 200 und Röhrbeinumfang 22,3 cm. Es gibt Füchse, Dunkel-Füchse und Braune. Auch die hervorragende Rittigkeit, gepaart mit Lernwillen
und Arbeitseifer, machen das Toripferd alten Schlages interessant.
Die Pferdezucht im Stammgestüt in Tori, damals 1055 ha nahe Pärnu, begann im Jahre 1856 auf Initiative des livländischen Landadels, weil die estnischen „Klepper“, ähnlich
den Gotland-Ponys, zwar zäh und klein und urtümlich waren, aber die Feldbebauung mehr Kraft und Ausdauer und bei den größer und schwerer werdenden Gerätschaften
auch größere Pferde erforderte. Die Forderung nach Größe und Eleganz läßt auch auf eine von vornherein angestrebte Nutzung als repräsentatives Kutschpferd schließen.
Mit 8 estnischen Hengsten, 50 Stuten, 3 Hengsten und 10 Stuten der aus Finnland importierten Rasse "Finnisch-Universal" und den 3 Araber-Hengsten Dahman, Kamiil und
Omaar wurde die Zuchtarbeit begonnen. Im Jahre 1862 wurden also 2 Ardenner-Hengste und 10 Stuten aus Belgien importiert, um mehr Körpergröße und –masse zu erreichen.
Aber erst im Jahre 1894 wurden die Tori-Pferde einzigartig und bemerkenswert. Graf von Berg importierte in diesem Jahr den Stammvater Hetman (von Stewart aus einer
unbekannten Hunter-Stute, Stewart war eine Kreuzung eines Norfolk-Trabers mit einer Anglo-Normannen-Stute), auf den alle heutigen reinrassigen Tori-Pferde zurückgehen,
aus Polen. Dieser Hengst fiel durch seinen guten Charakter und starken Arbeitswillen auf, er war so beeindruckend, daß man noch weitere seines Typs kaufte, und zwar im
Jahre 1906 die Norfolk-Trotter Duke of Scagglethorpe, Veighton Squiere und Nonparel. Im Jahre 1912 brachte man den Ostfriesenhengst Meinhard ein, 1922 gefolgt von Tello und Arend.
Gegen Ende der 30er Jahre wurden allerdings Inzucht-Folgen spürbar, die sich in nachlassender Leistung und geringerer Robustheit bemerkbar machten. Durch
Einkreuzung von Portier-Bretonen [Postier-Bretonen] (bodenständiges franz. Kaltblut, lebhaft mit energischen Bewegungen) und Friesen-Hengsten suchte man die
Inzucht-Schäden zu mindern. Dadurch verbreitete sich der massigere Typ mit weniger Aktion. Weil sich ein Bedarf für ein kombiniertes Arbeits- und Sportpferd entwickelte,
kreuzte man in den späten 70er-Jahren in begrenztem Umfang Alt-Hannoveraner ein.
Hargo-Talu
Auf dem malerischen alten Bauernhof in Kuigatsi in Südestland, benannt nach “Hargo”, einem Tori-Hengst, hat sich Ute Wohlrab die Rettung dieser alten Pferderasse in der
originalen Form zur Aufgabe gemacht. Die 8 Pferde werden in artgerechten Offenställen, den einzigen in Estland, gehalten, können jederzeit Sozialkontakte pflegen, sich in ihren
Bedürfnissen entsprechend frei bewegen und sind bestens versorgt und gefüttert. Der Bestand des Hofes setzt sich aus Pferden zusammen, die zum Teil vor dem
Schlacht-Transport nach Italien gerettet werden konnten, fast alle Tiere stammen aus schlechten Haltungsbedingungen, kamen in traurigem Zustand auf den Hof. Praktisch
alle Pferde lernten erst hier, Menschen zu vertrauen und wurden freundlich und anhänglich.
Die Hengsthaltung soll hier eine besondere Rolle spielen. An Hengsten stehen der Hargo-Sohn Hadrian und der junge Rapphengst Hesperos, als reinrassige Zuchtstuten
die anhängliche und bezaubernde Fuchsstute Hilvi, schokoladenbraun mit blondem Langhaar die ältere Hulda, schließlich [die] springbegabte Helbe zur Verfügung. Drei
wunderschöne Stutfohlen von Heigo - Hela, Henriette und Heliade berechtigen zu Hoffnungen in der Zukunft.
Das Haus, die Lage des Hofes, Hund, Katze, Ziege, Hühner ... Ute empfängt Gäste.
Wie kommt Ute hierher? Wovon trägt sich das Ganze? Was tun?
Die ganze Belastung der Erhaltung einer Tierrasse in einem uninteressierten Umfeld kann nicht gut und dauerhaft von einer Einzelperson getragen werden. Deshalb hat sich ein
Kreis von Pferde- und Estlandfreunden zusammengefunden, im Rahmen der persönlichen Fähigkeiten mitzuhelfen. Wir sind zwar inzwischen zahlreich genug, einen Verein zu
gründen, brauchen aber dringendst jede erdenkliche Unterstützung an Informationen, Kontakten, tätiger und finanzieller Mithilfe, wenn wir letztlich erfolgreich bleiben wollen
im Bemühen um dieses wertvolle Kulturgut des Baltikums, das Torgel’sche Pferd.
Wer weiß etwas über Tori-Pferde alten Schlages? Wer weiß von Tori-Pferden in Deutschland? Gibt es bereits andere Initiativen, die sich um Toris bemühen? Welche
öffentlichen oder privaten Institutionen könnten helfen? Wenn Sie Fragen haben oder uns helfen können, teilen Sie uns das bitte mit: [...]
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