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Ein Besuch
2001-11-09: Besuch in Jögeva

Am Morgen fing es an zu schneien, und Südestland versank langsam unter einer weißen Decke. Ute und ich machten uns trotzdem auf nach Tallinn. Unterwegs wollten wir uns noch zwei Pferde anschauen, zuerst den Hengst “Homor”, dann die Stute “Diana”.

Das Schneetreiben durchkreuzte etwas unseren Zeitplan, wir mußten sehr langsam fahren. Gegen Mittag in Jögeva angekommen, suchten wir im Verwaltungsgebäude der Kälberkolchose den zuständigen Zootechniker. Ute unterhielt sich lange mit den zwei Sekretärinnen, zu denen wir gelotst wurden, und versuchte, für ihr Projekt zu werben und Mißtrauen abzubauen. Das tut sie bei jeder Gelegenheit und fällt wohl unter “Öffentlichkeitsarbeit”. Da ich kaum ein Wort verstand, konnte ich mich im Sekretariat ausgiebig umsehen. Die Möblierung war zwar etwas älter, aber die EDV-Ausstattung war auf dem neuesten Stand. Jede Dame hatte einen PC samt Windows 98 und Tabellenkalkulation; ein HP-Laserdrucker und Soundboxen, aus denen Radiomusik drang, standen auf einem Nebentisch.

Endlich kam der Zootechniker. Er zeigte uns die Papiere von Homors Mutter Ali und seinem Halbbruder, denn Homors Papiere waren gerade nicht auffindbar. Von der Abstammung her ist Homor für die Zucht durchaus interessant. Also fuhren wir hinter dem Zootechniker her zum Kälberstall.

 

Maria hatte ja schon über ihren Besuch in Jögeva im April berichtet. Zum Glück war es jetzt nicht heiß, aber die Luft im Kälberstall war auch so feucht-stickig genug. In der hintersten Ecke sind Homor und seine Mutter Ali in provisorisch abgetrennten Boxen untergebracht.

 

 

Es bot sich uns ein Bild des stummen Leidens. Den Sommer über waren die Pferde auf der Weide, aber seit kurzem stehen sie ohne Auslauf im feuchten Stall. Irgendjemand war so schlau, Homor vor dem Sommer ein aus Strohband und Kette selbstgeflochtenes Halfter anzulegen, um so die 20,- DM für ein vernünftiges Halfter zu sparen. Leider wurde das danach nicht mehr kontrolliert, und so ist es offensichtlich während des Sommers in Homors Nacken eingewachsen. Im Stall ist es dann wohl doch aufgefallen, und so hat jemand das eingewachsene Halfter aus dem Fleisch gerissen. Natürlich ohne irgendeine Behandlung der offenen Wunde, die sich uns naß und eitrig darbot.

Ich war geschockt, Ute wurde richtig wütend. Von der Wunde war vorher nie die Rede gewesen. Der ständig lächelnde Zootechniker stellte sich doof und erklärte sich für nicht zuständig und was überhaupt los sei, ist doch alles in Ordnung.

Wir verließen aufgewühlt den Stall. Aber diese Zustände mußten dokumentiert werden. Also baten wir den Zootechniker noch einmal um Einlaß, um Fotos zu machen; die bräuchten wir für unseren Tierarzt, den wir zur Kaufentscheidung mit heranziehen wollten.

Der gute Mann wollte zwar auch langsam mal Mittag machen, aber er ließ uns noch einmal in den Stall, wo ich einige Fotos von Homor und Ali machte.

 

Homor im April 2001:

 

Homor (schwarzes Halfter) und seine Mutter Ali am 09.11.2001:

 

 

Erik Mügge

 

 

Nachtrag:

Aufgrund meines Drängens überprüfte der Tori-Zuchtverbandsleiter Andres Kallaste zwei Wochen später den Hengst Homor auf eine eventuelle Eignung zum Deckeinsatz. Seiner Aussage nach ist Homor jetzt in so schlechtem Zustand, daß er von einem Kauf dringendst abrät.

Ute Wohlrab