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In diesem Jahr bin ich erst im November nach Estland gereist. Alle Direktfähren Deutschland-Estland hatten schon lange ihren Betrieb eingestellt, und auch der Flugbetrieb war stark eingeschränkt. Also
entschloß ich mich zu einer anstrengenden, aber dafür auch billigen, Busfahrt. Das estnische Unternehmen TAK
bietet wöchentliche Touren von Kiel über Hamburg, Berlin, Riga und Pärnu nach Tallinn und zurück an. Fahrkarten gibt es in Schleswig-Holstein über den regionalen Partner AUTOKRAFT
; in Hamburg und Berlin wird mit anderen Partnern zusammengearbeitet.
Der moderne Volvo-Reisebus war nur spärlich besetzt, im Sommer und zu den Feiertagen soll es aber anders sein. Eine sehr nette estnische Stewardess, die gut Deutsch und Russisch sprach, kümmerte sich
um die Wünsche der Reisenden, man kann von ihr Getränke, Süßigkeiten und kleine Snacks kaufen und wahlweise in DEM oder EEK bezahlen. Zum Glück herrscht im Bus Rauchverbot, also wird ca. alle 3-4 Stunden angehalten
zur Rauchpause und zum Beinevertreten. Extra Toilettenpausen werden nicht gemacht, denn im Bus gibt es eine kleine Bordtoilette.
Ich stieg in Riga aus und nahm den Anschlußbus der Firma Eurolines
nach Valga. Der Fahrer sprach leider nur Lettisch und Russisch, der Kauf der Fahrkarte zog sich deshalb etwas in die Länge. Ich hätte doch besser vorher im Busbahnhof eine Fahrkarte direkt am Eurolines-Schalter kaufen sollen.
In Valga holte mich Ute ab. Nach 34 Stunden Reisezeit war ich endlich auf Hargo Talu!
In den nächsten 10 Tagen wurde viel geredet und fleißig gearbeitet. Die neuen Pferde und die vorangeschrittenen Arbeiten konnte ich in Augenschein nehmen. Nicht zu
übersehen waren der neue Offenstall Nr. 4 sowie die neuen Vordächer an jedem Offenstall, die die überdachte Fläche verdoppeln. Die starken Eckpfeiler eines
zusätzlichen 5. Offenstalls, dessen Kosten zum Großteil von der schweizer Firma Schöttli Umwelttechnik übernommen wurden, waren schon gesetzt, und die
weiteren Arbeiten haben wir unter der Anleitung von Andero, Utes estnischem Helfer, durchgeführt. Andero hatte die Vordächer gebaut und den Großteil der Arbeiten ausgeführt.
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Am 03.11.2001 holten wir die Stute “Hanni” aus ihrem alten Reitstall ab. In einem großen, dunklen und stickigen Stallkomplex waren 20-30 Pferde und Ponies
angebunden und standen auf einer Schicht aus eigenem Mist. Ute meinte, daß das in Estland nicht unüblich sei, der gärende Mist solle laut Halter als “Fußbodenheizung”
dienen. Ob das allerdings so gesund ist für die Pferdehufe und -lungen, wage ich zu bezweifeln.
Die Offenställe auf Hargo Talu dagegen haben einen Holzboden, der ca. 10-20 cm über Geländeniveau liegt, die Erde darunter ist durch Kies ausgetauscht. Somit kann
Feuchtigkeit durch den Holzboden gut abfließen, regelmäßiges Misten hält den Boden sauber. Helligkeit und frische Luft ist aufgrund der Konstruktion (die windabgewandte
Seite ist komplett offen) sowieso ständig gegeben, und angebunden wird nur beim Füttern. Diese Haltung erscheint mir doch erheblich pferdegerechter.
Am 06.11.2001 habe ich mit Ute das Staatsgestüt in der Ortschaft Tori besichtigt, nach dem ja die Rasse benannt ist.
Zuerst besuchten Ute und ich Herrn Andres Kallaste, den Zuchtverbandsleiter, in seinem Büro auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Wir nahmen an einem kleinen
Konferenztisch im vollgestellten Zimmer Platz. Im Nebenzimmer war ein älterer Herr als Buchhalter tätig. Die kunstlederbezogenen Tische und Drehstühle erinnerten mich
stark an die Mode der 70er Jahre, ebenso die Schrankwand mit klarlackiertem Furnier und quietschenden Scharnieren.
Es folgte ein langes Gespräch auf Estnisch zwischen Ute und Herrn Kallaste, von dem ich nichts verstand. Ab und zu bekam ich was übersetzt, um einigermaßen auf dem
aktuellen Stand zu sein. Hauptthema war, ob und wo noch reinrassige Toris zu bekommen seien. Dann wurden Abstammungen anhand der archivierten Jahrbücher,
von denen schon die Buchrücken abfielen, ermittelt und zuletzt alte Fotos aus der Schublade geholt. Einige durften wir mitnehmen, diese werden demnächst auf einer neuen Tori-Homepage veröffentlicht.
Zum Schluß führte Herr Kallaste uns durch die Stallungen, die wieder zur Privatisierung stehen. Der estnische Staat hält sich dort zwar eigene Stuten, allerdings ist keine
davon mehr reinrassig; sie entsprechen zwar dem alten Typ, haben aber deutlichen Alt-Hannoveraneranteil. Gedeckt wird eh nur noch mit Nicht-Toris.
Die Jährlingsfohlen sahen dementsprechend vergleichsweise mickrig aus. In den ungemisteten dunklen Laufställen tummelten sich zwischen ihnen einige estnische Ponies, die nochmal eine Nummer kleiner sind.
Im Gespräch bot Herr Kallaste uns eine seiner eigenen Stuten zum Kauf an und lud uns ein, seinen Betrieb in der Nähe zu besichtigen, was wir dann auch taten.
Herr Kallaste hält selbst drei Beschäler: Sein Tori-Hengst "Arhippos" von Absinth (Hannoveraner) aus der Kalli 23 207 T (1/2
Hannoveraner) kommt allerdings nicht mehr zum Deckeinsatz, stattdessen der frisch erworbene Holsteiner "Casanova" 13581 T von "Cor de la Bryere" aus der Fenja III,
neben dem der junge Hengst "Oxford" von Ordensstern xx (1/8-Tori) steht. Selbst die Zucht des Tori-Zuchtverbandsleiters geht also in die sportliche Richtung!
Die gezogenen Fohlen gehen als Sportpferde in den Export nach Westeuropa. Ich sah bei den estnischen Bereitern oft Kleidungsteile, auf denen der Namenszug eines deutschen Pferdehändlers aufgestickt ist.
Erwähnen möchte ich noch die Besichtigung der Stute “Diana”. Während meines Besuches haben wir uns einige Pferde angeschaut, die zum Verkauf stehen. Nachdem
wir uns am 09.11.2001 mittags den Hengst “Homor” angesehen hatten, fuhren wir noch weiter in den Norden Estlands zur Stute “Diana”.
Am Rande des Naturschutzgebietes baut sich dort ein Paar einen kleinen Reitbetrieb für Ausflügler auf. Ein altes Landratsgebäude wurde zum Pferdestall umgebaut, in dem
neben Ponies und Kleinpferden in einer Box eine im Vergleich riesige Tori-Stute untergebracht war: Diana. Sie sah gut aus, hatte gepflegte Hufe und stand gut im
Futter. Auf Englisch fragte mich die Besitzerin, ob sie mir gefällt. Ich bestätigte dies, und fragte direkt, warum sie denn zu verkaufen sei. Die Besitzerin stockte ein wenig
und führte dann gegenüber Ute auf Estnisch Geldprobleme als Verkaufsgrund an. Komisch, daß sich das Pärchen dann einen gut erhaltenen Ford Scorpio leisten kann,
der für estnische Verhältnisse durchaus Wohlstand dokumentiert.
Nun ja, ihre Gänge wollten wir schon noch sehen, es wurde langsam dunkel und es regnete bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt. In Südestland hatte es
morgens ja schon heftig geschneit. Der Besitzer nahm eine Longe, führte Diana hinaus auf den Reitplatz und führte sie dort im Schritt ein wenig hin und her über die
durchgeweichte Wiese. Für den Trab mußte er sie jedoch longieren, und das ging überhaupt nicht. Diana riß sich einfach los, lief zum Stall zurück und zog den
fluchenden Besitzer hinter sich her. Der machte noch einen zweiten Versuch, der ebenfalls mißlang, Diana drehte sich immer nach innen zu ihm hin und blieb stehen.
Und das soll ein Reitpferd sein? Auf dem auch schon Kinder geritten sind? Schwer zu glauben!
Wieder im Stall, wurde sie wieder eifrig mit Heu bestochen. Trotzdem schnappte sie nach dem Besitzer, der sie dann leicht aufs Maul schlug. Ohoh! So etwas darf man
nicht machen, und schon gar nicht, wenn Ute in der Nähe ist. Es gab den obligatorischen Vortrag, daß ein Schlag aufs Maul das Vertrauensverhältnis zum Pferd
zerstört und strengstens zu unterlassen ist. Man darf einiges anderes machen, um sich ein aufdringliches Pferd vom Leib zu halten, z. B. Aufstampfen, Anschreien,
Anpusten oder Knuffen in unempfindliche Körperteile. Aber selbst die sogenannten Pferdefachleute mit jahrelangem Pferdeumgang schlagen ihnen aufs Maul. Die gute
Diana war also schon ein wenig gestört, bestenfalls unartig oder schlecht erzogen. Bei dem Pferdeverstand der Besitzer ist das sicherlich nicht überraschend. Ihre Herkunft
konnte aber auch nicht plausibel erläutert werden und später kamen noch generelle Zweifel an der Seriosität des Besitzerpärchens auf.
Einen Schlag auf ein Pferdemaul sah ich auf Utes Hof ein einziges Mal: als dies die 18jährige estnische Praktikantin Eva beim jüngsten Fohlen (!) Haliide in Utes und
meinem Beisein machte, stockte mir der Atem. Ich dachte wirklich, Ute springt ihr an die Gurgel. Aber Eva hatte Glück, bekam nur den Vortrag zu hören und Ute kümmerte
sich gleich intensiv um Haliide, um ihr Zutrauen nicht zu verlieren. Übrigens will Eva demnächst selbst als Züchterin tätig sein, neben ihrem zu beginnenden Studium. Ihre
Reiterei und ein paar Tage Praktikum auf Hargo Talu scheinen ihr als Erfahrung auszureichen!
Im letzten Jahr habe ich Ute in einer schwierigen Situation erlebt, in der sie aufgrund der wirtschaftlichen Situation mit dem Gedanken spielte aufzuhören. Darum freute es
mich diesmal sehr zu sehen, daß sie ihren Mut wiedergewonnen hat und weitermacht. Es wäre schön, wenn neben der Unterstützung durch Privatleute auch Firmen als
Sponsoren tätig werden. Ein Anfang ist ja schon mit der Finanzierung des neuen Offenstalls durch eine Schweizer Firma gemacht.
Erik Mügge
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