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Ein Besuch
2001-04: Maria

   Hallo, ich heiße Maria, bin 17 Jahre alt und möchte ein wenig über meine Helfer-Ferien bei Ute Wohlrab auf ihrem Hof “Hargo-Talu” in Estland, berichten. Ich habe sie und ihre Pferde (momentan zehn und ein Fohlen im Anmarsch) und natürlich auch ihre fünf Hunde, drei Katzen, vier Hühner, vier Ziegen und die im Keller überwinternden Fledermäuse, in den Osterferien besucht.

  Nachdem ich ein paar Tage in Tartu bei Bekannten verbracht hatte, und Estland so schon ein wenig kennenlernen konnte, kam ich am 17.04.2001 bei Ute an und der erste Eindruck hat mich schon sehr überwältigt. Ich konnte mir kaum vorstellen, daß man in dieser wunderschönen, aber doch einsamen Gegend, auf einem so alten Hof mit ein paar Tieren und sonst kaum menschlicher Gesellschaft leben kann. Aber wie ich schnell erkannte, ist das sehr gut möglich und angenehmer als alles andere Wohnen, das ich bis jetzt erlebt habe.

   Am meisten gespannt war ich als langjährig im Reitsport aktiver Pferdefreund und –besitzer natürlich auf die Tori-Pferde. Da ich mich vorher bereits informiert hatte, konnte ich mir ein ungefähres Bild von diesen Tieren machen, jedoch wußte ich nicht, daß diese Pferde so wunderschön sind. Es sind schwere Warmblüter und sie sehen ein wenig aus wie unsere normalen Kaltblüter, sind jedoch größer und leichter und auch vom Stockmaß her etwas höher. Diese Rasse hat mich von Anfang an überzeugt - aber als ich dann noch die drei Jungstuten (Hela, Henriette und Heliade) gesehen habe, die alle ca. ein Jahr alt sind und damit noch dieses typisch niedliche Babyaussehen haben, war es ganz um mich geschehen.

   Sehr gut gefallen haben mir auch die Haltungsbedingungen, unter denen die Pferde leben. Denn sie “wohnen” in Offenställen, die zu der Windseite hin geschützt sind und wo weite Weideflächen angrenzen, welche die Pferde frei benutzen können. Dadurch sind sie sehr robust, was sie auch in ihrem Ursprung waren.

Heliade und Henriette im Unterstand   Praktischerweise hat Ute sie in kleinere Gruppen aufgeteilt, damit es keine ständigen Probleme mit der Rangordnung gibt. Im ersten Unterstand, den man gleich sieht, wenn man auf den Hof fährt, stehen die sehr eigenwillige, schokoladenfarbene Stute Hulda mit ihrer ebenfalls schokoladenfarbenen Tochter Henriette und dem Fuchsstütchen Heliade, der Tochter von Hilvi. Das ist sozusagen die Kinderstube mit Betreuerin. Daneben steht die brave, derzeit trächtige Fuchsstute Hilvi und im nächsten Paddock leben die Stute Helbe (Utes kastanienbrauner Liebling, der sehr eigenwillig sein kann, was ihn so sympathisch macht) mit ihrer Tochter Hela, einem aufgeweckten kleiner Rappstütchen, das in den ersten Monaten wie ein Eselchen aussah und der riesige Wallach Lukas, ein wirklich lieber und treuer Fuchs mit einem sehr interessanten Scheckenmuster an Beinen und Unterbauch, der sichtlich gern die Funktion eines Kindermädchens übernimmt. Daneben schließen sich die zwei Hengste im äußersten Unterstand an: Hadrian, ein fuchsfarbener Hargo-Sohn mit dem Aussehen und dem Charme eines Wildpferdes der Marlboro-Werbung und Hesperos, der ruhige Rappe, der etwas vom Charme eines Friesen hat. Es ist interessant zu sehen wie die Pferde in der Natur zurechtkommen, wenn sie so gehalten werden und es ist ein großer Kontrast zu der Pferdehaltung wie man sie normalerweise kennt.

   Ute und ich haben viel gearbeitet, wir haben uns um die Pferde gekümmert, haben sie gestriegelt, gefüttert, Ziegen gemolken, was ich sehr interessant fand und auch viele Ausbesserungsarbeiten auf dem Hof vorgenommen. Aber wir waren auch viel im Land unterwegs, wo ich jede Menge von den Menschen und dem estnischen Landleben sehen konnte.

Zum Beispiel waren wir in Tartu auf einer Landwirtschaftsausstellung, wo viele fortschrittliche Maschinen gezeigt wurden und wo jede Firma einen kleinen Stand aufgebaut hatte, um ihre Produkte vorzustellen, die man, wenn sie aus dem Lebensmittelbereich kamen, auch oftmals vor Ort probieren konnte.

Dort wurde Ute ständig von Leuten angesprochen, die sie im Januar im Fernsehen gesehen haben und viele sprachen ihr Mut zu und einige auch ihre Bewunderung. Ute ging immer sehr offen auf diese Leute zu und erzählte auch gleich von ihrem Hof und den Pferden, worüber die Leute sich freuten. Viele fragten, ob sie Ute später besuchen dürften und sie war damit einverstanden und versprach, daß sie jederzeit kommen könnten.

   Wir waren auch zusammen bei zwei Hengsten, die sich Ute anschauen wollte, um eventuell Nachwuchs für ihre Zucht zu bekommen, bzw. um frisches Blut in ihre Zuchtlinie zu bringen. Ich war sehr gespannt und aufgeregt vor der Fahrt. Leider war nicht alles schön, was wir dort gesehen haben. Denn als wir uns den, für einen echten Tori-Hengst viel zu langbeinigen und völlig unterwürfigen und zerrittenen, “Dollar” anschauen wollten, sahen wir, daß die Pferde dort in einem stickigen und engen Stall gehalten wurden. Auf engstem Raum mußten sie zusammengepfercht in Boxen stehen, die aus Brettern zusammengenagelt waren und jeden Moment einzustürzen drohten. Und zu allem Überfluss lebten diese klapprigen Pferde auch noch mit drei Ferkeln, drei bis auf die Knochen abgemagerten Kühen und Hühnern zusammen, die über den Pferden auf den morschen Balken hockten und alles auf sie herabfallen ließen, was Hühner eben so fallen lassen.

Der andere Hengst, “Homor”, hatte es nicht viel besser. Er lebte in einem Kuhstall, wo die Luft so schlecht war, daß ich, als wir durch die engen Gänge und an den Bauch an Bauch stehenden Kälbern vorbei zu ihm hingeführt wurden, schon fast vor einem Zusammenbruch stand, weil dort viel zu wenig Sauerstoff vorhanden war. Es war wirklich erschreckend. Aber zu unserem Erstaunen sah er doch halbwegs gut genährt aus, was wir am wenigsten erwartet hatten. Doch als uns dann der Preis für ihn genannt wurde, konnten wir es nicht glauben. Es wurde für ein so schlecht gehaltenes Pferd, was dadurch ja auch Krankheiten und Folgeschäden haben kann, so viel Geld verlangt, wie bei uns in Deutschland für ein gut ernährtes und kerngesundes! Man kann so etwas kaum fassen.

   Aber so wurden für mich auch die Kehrseiten dieses, von der Natur her überwältigenden Landes deutlich, welche man nicht immer gleich erkennt und die doch jedes Land hat.

   Auf dem Heimweg legte Ute dann plötzlich auf einer relativ ruhigen Straße eine Vollbremsung ein und bog in einen kleinen Weg ein. Dieser Weg führte zu einem privaten Hof, auf dem ca. hundert Hühner herumliefen und da Ute immer noch ein paar schöne Landhühner für ihren Hof suchte, kaufte sie dort kurzerhand gegen “typisch estnische Bezahlung” (ein kleines Geschenk und ein wenig Geld) ein sehr hübsches Huhn, das ich auf den Schoß nehmen und die nächsten 80 km, die es noch bis nach Hause waren, behüten musste. Das war eine sehr lustige Aktion, aber ich war dann doch froh, als wir endlich auf dem Hof ankamen und ich es gleich in die Freiheit entlassen durfte. Und schon am nächsten Tag hatten wir dann ein riesengroßes Frühstücksei von der neuen Henne. Auch in Estland ist es schwierig geworden, noch einfache Landhühner zu bekommen, denn auch dort nimmt die Anzahl der Legebatteriehennen immer mehr zu, was sehr schade ist und Ute ihre Suche nach natürlichen Hühnern so erschwert.

   Das war also mein Urlaub bei Ute und den Toris und da mir der Hof, die anderen Tiere und die Arbeit, bei der wir trotz allem sehr viel gelacht und gealbert haben, so sehr gefallen hat, komme ich auch im Sommer wieder. Auch weil ich Ute und ihre Arbeit so sehr bewundere und ihr eine kleine Hilfe in dem Kampf um die aussterbenden Tori-Pferde sein möchte. Und zu allerletzt natürlich auch wegen dem bemerkenswerten und romantischen, einfachen Leben, das Ute dort in Estland auf ihrem Hof führt und dabei so zufrieden und glücklich ist, daß sie so viel Lebensfreude ausstrahlt und es einfach Spaß macht bei ihr zu sein und mit ihr zu lachen.