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Auf Hargo Talu wurde ich durch den Bericht im Ostseereport am 16.07.2000 auf N3 aufmerksam. Im Internet fand ich weitere Informationen auf der Homepage von Hargo Talu. Ich nahm Kontakt zu Ute per email
auf. Kurzfristig beschloß ich, mir meinen Jahresurlaub zu genehmigen, und flog am 31.07.2000 für 7 Tage nach Estland, um mir ein eigenes Bild zu machen.
Der Flug der Estonian Air in einer kleinen Turboprop-Maschine von Hamburg nach Tallinn dauerte ca. 1,5 Stunden. Im modernen Tallinner Flughafengebäude konnte ich endlich Geld tauschen, was auf dem
Hamburger Flughafen nicht möglich war. Der Kurs der Estnischen Krone zur Deutschen Mark ist zwar von staatlicher Seite auf 8:1 festgelegt, der Umtauschkurs der Banken weicht davon jedoch etwas ab. Vom Flughafen nahm
ich ein Taxi zum Busbahnhof. Vor dem Busbahnhof versuchte ein freier Unternehmer, Gäste für seine private Kleinbuslinie zu gewinnen, aber das war mir zu unsicher, ich nahm den Linienbus nach Tartu. Die Dame am
Schalter sprach zum Glück Englisch, so daß der Kauf der Fahrkarte kein Problem war.
In Estland ist nach der Hauptsprache Estnisch Russisch weit verbreitet, das in der Sowjetzeit offizielle Zweitsprache war, und das von den russischen Bevölkerungsteilen immer noch gesprochen wird. Im
Kino werden die Originalfilme nicht synchronisiert, sondern mit Untertiteln in Estnisch und Russisch versehen.
Auf der Busfahrt von Tallinn nach Tartu konnte ich einen ersten
Eindruck vom Land gewinnen. Auffällig sind zum einen die vielen verfallenen Holzhäuser, zum anderen die dünne Besiedelung, die noch viel Natur unberührt ließ. Ich habe noch nie so viele Störche gesehen,
teilweise zogen diese in großen Gruppen über die Feuchtwiesen. Zäune habe ich auf der Fahrt keine gesehen, weder aus Stacheldraht noch aus Holz, von Elektrozaun ganz zu schweigen. Kühe und Pferde
werden entweder auf der Wiese angepflockt oder ihnen werden die Vorderbeine zusammengebunden. Auf meiner Busreise von Deutschland nach Estland 2001 habe ich feststellen können, daß dieses
Verfahren ab Polen ostwärts üblich ist.
Vom Busbahnhof in Tartu holte mich Ute ab und wir fuhren ins ca. 50 km entfernte Kuigatsi nach Hargo Talu, wo wir von Utes Hunden lautstark empfangen wurden.
In den nächsten Tagen hat mir Ute alles gezeigt, den Hof und die Tiere. Vieles war noch provisorisch. Neben den normalen Arbeiten Tränken, Füttern und Misten wurde
ich zum Motorsensen, zum Ausbessern des Elektrozauns und zum Hufeschneiden eingespannt. Wie schwer doch so ein Pferdehuf auf Dauer werden kann...
Neben dem Gras des Weidegangs bestand das Futter aus Heu, Hafer, gequetschtem Hafer und Mineralstoffen aus dem Landhandel. Die Mineralstoffe und der Hafer wurden
für jedes Tier individuell zusammengestellt und verfüttert. Damit der Futterneid keinen Streit verursacht, müssen die Pferde beim Füttern angebunden werden. Das war aber
kein Problem, auch nicht bei den Hengsten. Alle sind den Umgang mit Menschen gewöhnt und lassen sich führen.
Aufgrund des Breitengrades sind die Tage im Sommer dort recht lang. Bei schönem Wetter kann man sich abends lange draußen aufhalten. Leider hält sich in den
Feuchtwiesen aber auch allerlei Stechgetier auf.
Außer mir waren noch Kertu und Margus zu Gast, zwei mit Ute befreundete, junge Esten. Kertu wollte ihre Englischkenntnisse trainieren und sprach deshalb mit Ute nur
Englisch. Magnus sprach nur Estnisch, ich nur Deutsch und Englisch. Somit ergab sich auf Hargo Talu ein buntes Sprachgemisch, wie so oft. Zum Glück beherrscht Ute alle
oben genannten Sprachen, zusätzlich Russisch, und kann im Notfall übersetzen.
Am 04.08. hat mich Ute als Dank für meine Hilfe zu einem Strauß-Festival auf der Freilichtbühne von Elva eingeladen. Neben der Musik vermittelten die vielen historisch
gekleideten Paare die Atmosphäre des alten “Kuningriiks” (Königreichs), an das erinnert werden sollte. Auf einer Tori-Stute (von Ars, also 1/4 Alt-Hannoveraner)
konnten Kinder reiten. Ihre Eigentümerin erzählte, daß diese Stute nun von Vollblütern gedeckt werden solle, damit wenigstens die Fohlen "schön" seien...
Ich verbrachte noch die 2 Tage vor dem Rückflug alleine in Tallinn, besuchte die Museen und Kneipen in der Altstadt. Durch diese zogen Heerscharen von Touristen
ihre Kreise; Tallinn scheint zu den Baltikumtouren zu gehören wie Rotenburg ob der Tauber, Heidelberg und Schloß Neuschwanstein zu den “Europa in 3 Tagen”-Touren.
Als ich im Tallinner Flughafen mein Gepäch aufgegeben hatte und einchecken wollte, kam ich nicht durch die Sicherheitskontrolle. Höflich, aber bestimmt wurde ich
aufgefordert, den Inhalt meiner Jackentaschen vorzuzeigen. Grund: Ich hatte mein Taschenmesser in der Jacke vergessen! Damit durfte ich natürlich nicht ins Flugzeug.
Es mußte als "Sicherheitsgepäck" in einem Extrakarton aufgegeben werden und durfte dann im Laderaum mitfliegen. In Hamburg fand sich der Karton dann wieder auf dem Gepäcklaufband an.
Einer Mitreisenden war das gleiche Mißgeschick passiert, sie entsorgte ihr Messer gleich im Mülleimer der Sicherheitskontrolle - auch eine Möglichkeit. Verhindern läßt
sich das aber, indem man nicht nur vor dem Hinflug, sondern auch vor dem Rückflug seine Kleidung und das Handgepäck überprüft und solche Gegenstände in den Koffern verstaut.
Mit vielen gemischten Eindrücken kam ich aus dem Urlaub zurück. Auf der einen Seite ist so ein einfaches Landleben mit vielen Tieren beneidenswert, auf der anderen Seite aber auch sehr beschwerlich.
Erik Mügge
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