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1998-08
Ein Besuch
1998-08: Helle Wiese

Guten Tag -

durch estnische Freunde erfuhr ich, daß es für Sie vielleicht von Interesse sein könnte, von mir als einem Unbeteiligten/Außenstehenden etwas zu erfahren über die Eindrücke, die ich in Kuigatsi auf "Hargo Talu" hatte. 1998 kam ich u.a. nach Valga, um dort eine befreundete (estnische) Familie zu besuchen; von der ich bis dahin lediglich 2 Familienmitglieder kannte, die beide hier in Hamburg in meiner Wandergruppe mitgewandert waren. Ich machte eine Alleintour durch Estland, mit dem Fahrrad, mein erster Besuch im Baltikum.

Diese Familie legte mir dringend ans Herz, den ihnen befreundeten Hof Hargo Talu von Ute Wohlrab zu besuchen, es werde mir ganz bestimmt dort sehr gefallen. Eine Tochter habe schon mehrfach durch Estland reisende, deutsche Fahrradgruppen auch nach u.a. Hargo Talu geführt, wo diese sich jedes Mal derart wohl gefühlt hatten, daß es ihnen schwerfiel, Abschied zu nehmen von diesem kleinen Paradies, um weiter zu fahren. Klar, daß ich mich gern entschloss, diesem Hinweis zu folgen.

Was ich dann allerdings dort erlebte, überstieg meine schönsten Erwartungen. Es begann damit, daß ich den Hof gar nicht fand, nirgends jemand zum Fragen antraf, und es dabei in Strömen regnete. Alles in allem nicht gerade meine Stimmung hebende Voraussetzungen - zumal ich nicht angekündigt war und es schon Abend wurde. Als ich dann schließlich doch an den Hof kam, empfing mich gefährlich wirkendes Gekläffe einiger Hunde. Diese wurden jedoch gleich von einer Frau zurückgerufen und: sie gehorchten, sofort und ohne zu knurren. Das war mein erster Eindruck, wie hier wohl mit Tieren umgegangen wird (bei Hunden neige ich eher zu Pessimismus ...).

Es folgte ein unerwartet herzlicher Willkomm, ich konnte mein Fahrrad unterstellen und mich umziehen, worauf ein prachtvolles Abendessen bereitgestellt wurde, was meine Stimmung erheblich hob. Noch am selben Abend, und weiter während der folgenden Tage, bekam ich Gelegenheit zu erfahren, was freundliche Tierhaltung heißen kann. Ich muß dazu sagen, daß ich überzeugter Vegetarier - aus Tierschutzgründen - bin, und deshalb wohl überdurchschnittlich sensibel für den Umgang von Menschen mit Tieren. Da ich zudem alter Reiter bin, interessierten mich selbstverständlich vor allem die dort lebenden Pferde. Zu meiner Freude konnte ich bemerken, daß lediglich ein Pferd etwas menschenscheu war. Das aber nur mir als Fremdem gegenüber, in keiner Weise bei Frau Wohlrab, zu der sich alle Tiere eher zärtlich-schmusig verhielten, ebenso wie die 5 Hunde, die Katzen, und sogar die prachtvoll gesunden Ziegen.

An einigen der Tiere bemerkte ich noch ältere, verschorfte Wunden und fragte, woher dies denn käme. So erfuhr ich nun, daß Frau W. diese Pferde aufgekauft habe, um sie vor der Schlachtbank zu retten. Sie seien durch schlechte Hände gegangen und gnadenlos geprügelt worden, wenn sie nicht kuschten - eine Art Umgang mit Tieren, wie man sie hier bei uns zum Glück wohl nur selten noch erleben kann.

Frau Wohlrab hatte es durch Sachkunde und - warum sollte man das nicht sagen - durch Liebe sowie sanfte Aufmerksamkeit und viel Zuwendung fertiggebracht, aus völlig verdorben scheinenden und nur noch für den Schlachthof geeigneten Pferden Tiere "aufzubauen", die absolut menschenfreundlich geworden waren und sich jetzt sogar ausgezeichnet für das sog. therapeutische Reiten (die sanfte "Emma"!) eigneten, mit behinderten bzw. auch verhaltensgstörten Kindern! Solche Glanzleistung zu erreichen gilt bekanntlich selbst hier in Deutschland als eine der allerschwierigsten Aufgaben.

Diese ganze Atmosphäre von Freundschaft, gutem Willen und - nicht zuletzt - Können strahlte auf mich eine Ruhe aus und ein Wohlbefinden, das bis weit über mein Urlaubsende anhielt. Diese (leider allzu kurze) Zeit auf Hargo Talu gehört zum reichsten Teil meines Lebens. Ich bin jetzt ein älterer Herr von 71 Jahren, wie Sie wohl aus meiner vielleicht etwas altmodischen Ausdrucksweise ersehen; immerhin ist jede meiner Äußerungen absolut ehrlich und kein pro-domo-Gerede eines irgendwie persönlich Beteiligten.

Frau Wohlrab aber wünsche ich von Herzen, daß sie ihre segensreiche Tätigkeit noch recht lange ausüben kann: als Reiter kann ich ein "glückliches Pferd" durchaus erkennen, und ich weiß aus langer Praxis, wie schön der Umgang mit so einem Tier sein kann.

 

Mit freundlichem Gruß!

 

Helle Wiese aus Ammersbek